Pfadfinderarbeit hat eine über ein Jahrhundert alte Geschichte. Diese soll hier in kurzen Zügen zusammengefasst werden, um Aufklärungsarbeit zu leisten, vor allem für die, die immer wieder Parallelen ziehen zur HJ und FDJ.
Der Begründer der Pfadfinder ist Robert Baden-Powell, und um seine Beweggründe zu verstehen, ist es gut einen Überblick über sein Leben zu geben. Er wurde 1857 in London als 12. Kind eines anglikanischen Pfarrers gebo-ren. Mit drei Jahren schon verlor er seinen Vater und entwickelte früh ein Gefühl von Ritterlichkeit und Verant-wortungsbewusstsein. Sein Großvater mütterlicherseits weckte in ihm die Lust am Abenteuer und der Naturbeobachtung. In seiner Internatszeit nutze er jede freie Minute, um den verwilderten Park zu durchstreifen, Tierspuren zu suchen und sich die „Wissenschaft des Waldes anzueignen“. Die dabei gewonnen Kenntnisse kamen ihm auf seinen Reisen mit Freunden, zu Fuß oder mit dem Boot sehr zu Gute, und stets kehrten die Jungen gesund, aufgeladen mit Selbstbewusstsein zum Beginn des neuen Schuljahres zurück. Schon damals wurde Baden-Powell bewusst, dass die so gemachten Erfahrungen eine hervorragende Schulung des Charakters und der Persönlichkeit junger Menschen ist.
Nach einem mittelmäßigen Schulabschluss ging er zum Militär, wo er durch vielerlei Begabung schnell auffiel. Er verstand es die Soldaten bei Laune zu halten, kannte die Wildnis, wie seine eigene Hosentasche und hatte hohe Führungsqualitäten. So wurde ihm die Verantwortung für die Scouts übergeben. Dabei hielt er sich nicht an herkömmliche Methoden und legte keinen Wert auf Drill, sondern versuchte seine Schützlinge für ihre Aufgabe zu begeistern, indem er ihnen Sinn und Zweck ihrer Tätigkeit erklärte. Er setzte ihnen nicht alles vor, sondern forderte sie zum selbstständigen Denken und Handeln auf. Seine Losung war „Learning by doing“. Baden-Powell hielt keine langen Vorträge, sondern überzeugte und führte, indem er Vorbild war. Während seiner militärischen Laufbahn war er in Indien, Afghanistan, Malta und Südafrika eingesetzt. Überall lernte er dazu, wie z.B. in Afrika noch unbekannte Methoden des Spuren Lesens, der Orientierung und der Urwaldmedizin. Im Dschungel brachte seine Geschicklichkeit ihm den Namen „Der Wolf, der nie schläft“ ein.
Als er im Burenkrieg mit viel zu wenig Mann die Stadt Mafeking verteidigen musste, gelang ihm dies durch eine List. Er rekrutierte Jungen und übergab ihnen leichte militärische Aufgaben, z.B. als Sanitäter, Späher oder Meldegänger. Dabei erkannte er, dass auch Jungen dieses Alters durchaus Verantwortung übernehmen können, wen man ihnen Vertrauen schenkt. Diese Erkenntnis brachte ihm nicht nur den Sieg in dieser scheinbar aussichtlosen Situation, sondern machte ihn weithin bekannt und führte dazu, dass sein Buch „Aids for scouting“ von Tausenden gelesen wurde. Doch dies war ein militärisches Buch. Und als Mann, der den Frieden liebte, wollte er seine revolutionären pädagogischen Erkenntnisse in einem Buch speziell für Jugendliche zusammenfassen. Bevor er dies schrieb, erweiterte er seine Erfahrungen, als er das erste Zeltlager für 22 Jungen, die aus sehr unterschiedlichen sozialen Schichten zusammengekommen waren, veranstaltete.
1907, in seinem 50sten Lebensjahr, ließ Baden-Powell sich pensionieren, um sich dieser neuen Jugendbewegung, die in der Gesellschaft viele Anhänger fand, zu widmen. Die Pfadfinderarbeit war geboren und überall im Land entstanden nach seinem Prinzip neue Pfadfindergruppen, die sich schon bald in andere Länder ausweiteten. Als 1909 das erste große Pfadfindertreffen in London stattfand, erscheinen dort auch die ersten Mädchen. So entstand neben der Pfadfinderbewegung auch eine Pfadfinderinnenbewegung, die von Baden-Powells Schwester und sei-ner Frau Olave unterstützt wurde. 1911 wurde die erste deutsche Pfadfinderorganisation gegründet, 1916 kam eine für Mädchen dazu.
In Deutschland wurde die Pfadfinderbewegung von der Wandervogelbewegung beeinflusst, so dass die Formen des englischen Scoutismus mit denen der Wandervogelbewegung verschmolzen. Die sogenannte bündische Jugend mit einer Vielzahl von Pfadfinder-, Wandervogel- und Jungschaftsbünden entstand. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden die Pfadfinderverbände bald verboten und ihre Mitglieder in die Hitlerjugend überführt.
Nach dem 2. Weltkrieg wurden die Pfadfinderverbände wieder aufgebaut, nur in der sowietischen Besatzungszone, der späteren Deutschen Demokratischen Republik blieb die Pfadfinderarbeit weiterhin verboten. Dort war der einzig erlaubte Jugendverband die Freie Deutsche Jugend (FDJ).
Es mag sein, dass sich Mancher beim Anblick der Pfadfinder in ihrer Kluft, an andere, frühere Zeiten zurückerinnert fühlt. Aber man muss sich bewusst machen, dass es zuerst die Pfadfinder gab, erst danach die HJ und dann die FDJ, die beide zudem vollkommen gegensätzliche Ziele anstrebten. Dort ging es nicht um selbständiges Denken, wie Baden-Powell es meint, sondern die Unterordnung unter die Gruppe. Es kann nicht sein, dass wir, die Pfadfinder heute, alles, was diese beiden Jugendverbände von uns übernommen haben, verändern müssen, damit diese Parallelen nicht auftauchen. Vielmehr ist es wichtig, darüber ins Gespräch zu kommen und sich die Pfadfinderarbeit einmal genauer anzusehen. Unser Leitspruch ist, „dass wir die Welt ein bisschen besser hinterlassen wollen, als wir sie vorgefunden haben“. Ein großes Ziel - das uns sicher nur ansatzweise, und im Sinne der christlichen Pfadfinder auch nur mit Gottes Hilfe gelingt, aber wir sind auf dem Weg und hoffen, dass wir dabei nicht über die Vorurteile anderer Menschen stolpern müssen.
In diesem Sinne wünsche ich, dass uns dieser Artikel dazu weiter hilft. Die Informationen sind dem Werk „Das große Pfadfinderbuch“ von Walter Hansen und der Internetseite de.wikipedia.org/wiki.Pfadfinder entnommen.
(Holle Huygen-Thurn Jan. 2012)